Aktualisiert 13.6.22

In meinen Seminaren sorgt meine Überzeugung, dass jeder Mensch selbst für seine Gefühle verantwortlich ist, regelmäßig für Erstaunen, manchmal für intensive Diskussionen. „Der andere hat mich total verletzt, also ist er auch für mein verletzt sein verantwortlich!“ Diese Annahme ist allzu verständlich und ich spüre großes Mitgefühl. Doch in meinen Augen ist es ein Trugschluss, der andere sei schuld an meinen Gefühlen. Meine Überzeugung ist: Für deine Gefühle bist du selbst verantwortlich und sonst niemand! Darüber schreibe ich in diesem Blogbeitrag.

Nicht erfüllte Erwartungen führen häufig zu Vorwürfen

Es gibt täglich unzählige Situationen, die nicht so sind, wie wir es uns wünschen. Menschen verhalten sich, äußern etwas, dass uns gefällt oder eben nicht gefällt. Darauf reagieren wir sehr schnell und meistens unbewusst.

Unsere Reaktion läuft in etwa nach dem gleichen Schema ab

Erwartung/Wunsch – Nicht erfüllt – kritisches Gefühl – Vorwurf

Wir wünschen uns etwas, haben an Situationen und Menschen bestimmte Erwartungen, die manchmal erfüllt und manchmal nicht erfüllt werden. Das macht uns positive oder kritische Gefühle. Unbewusst und schnell reagieren wir und machen den anderen verantwortlich für unsere Gefühle. Der andere ist schuld daran, dass wir verletzt, verärgert, frustriert, traurig, niedergeschlagen, verzweifelt, deprimiert, bedrückt sind.

Beispiele für Bewertungen

  • „Ich bin genervt, weil die Nachbarin ihren kläffenden Hund nicht erzieht.“
  • „Du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen.“
  • „Du machst mich wahnsinnig!“
  • „Es ärgert mich, wenn du nicht pünktlich zu unserer Verabredung kommst.“
  • „Ich bin traurig, weil ich mich von meinem Liebsten abgelehnt fühle.“
  • „Ich finde es unverschämt, wenn die Leute ihren Müll nicht trennen.“
  • „Du bist total egoistisch!“
  • „Ich fühle mich hilflos, weil mein Arzt sich keine Zeit für mein Anliegen nimmt.“

Das sind sehr nachvollziehbare Reaktionen, die allerdings auf emotionale Verstrickungen hinweisen. Wir verlagern unseren inneren Konflikt auf den anderen. Wir fühlen uns selbst nicht verantwortlich, quasi in der Situation gefangen sind, ohnmächtig und hilflos. Und der andere trägt daran die Schuld.

Frage dich: Wie kann es sein, dass jemand so viel Macht über mich hat, zu bestimmten, was ich fühle und mich im Handeln und Denken so zu blockieren, dass ich mich ausgeliefert und hilflos fühle?

Wir laden damit dem anderen eine Last auf, die nicht auf seinen Rücken gehört. Auch positive Sätze können eine Last sein: „Ich bin glücklich, wenn du die Abende mit mir verbringst.“ Hier können verschiedene Erwartungen gleichzeitig wirken. Beim anderen kann ankommen, dass er für das Glücklich sein des anderen verantwortlich ist. Und vielleicht meinen wir das auch so.

Menschen reagieren mit unterschiedlichen Gefühlen auf die gleiche Situation

Wenn Ereignisse, Situationen und Menschen Gefühle auslösen könnten, dann würde das bei allen Menschen dieselben Gefühle hervorrufen. Stell dir vor, Ilse kommt später als vereinbart zu einer Verabredung mit Freunden und ihrer Schwester. Alle drei reagieren völlig unterschiedlich darauf: Der Freund kennt sie seit Jahren und ist erleichtert, weil er dann ein paar Minuten Zeit hat, in Ruhe seine Mails zu checken. Die Schwester ärgert sich maßlos über das Zuspätkommen, schaut dauern auf ihre Uhr und als Ilse dann kommt, macht sie ihr lauthals Vorhaltungen. Die Sportkollegin trifft sich zum ersten Mal mit Ilse und ist sehr nervös und besorgt, weil sie annimmt, sich eine falsche Uhrzeit gemerkt zu haben.

In diesem Beispiel reagieren die Menschen sehr unterschiedlich und das macht deutlich, dass nicht das Ereignis oder die Person mit ihrem Verhalten für unsere Gefühle verantwortlich sind, sondern, wie wir die Situationen für uns bewerten. Wir geben dem, was uns wichtig, kostbar, wertvoll ist, eine Bedeutung. Und aus dieser Bedeutung heraus bewerten wir Situationen und haben unterschiedliche Gefühle. Nur, wie wir bewerten und was wir fühlen, dafür sind wir selbst verantwortlich.

Merke: Gefühle entstehen in uns, auf der Grundlage unserer Bewertungen. Gefühle weisen uns auf unsere Bedürfnisse und Werte hin. Wir sind ausschließlich selbst für sie verantwortlich.

Trenne Auslöser und Ursache deiner Gefühle

Das Verhalten des anderen ist Auslöser für unsere Gefühle. Gefühle sind die Botschafter für das, was uns wichtig ist. Positive Gefühle haben wir, wenn Bedürfnisse und Werte erfüllt sind. Kritische Gefühle spüren wir, wenn Werte verletzt oder Bedürfnisse zu kurz kommen.

Unser Gegenüber kann Gefühle in uns auslösen, ist allerdings niemals die Ursache für unsere Gefühle. Verantwortung übernehmen wir, indem wir diese Projektionen zurücknehmen. Wir antworten. Damit nehmen wir unseren inneren Konflikt zurück zu uns. Ein Wechsel von der Opferrolle in die Gestalterrolle.

Wenn du dich aufregst, außer dir bist, nicht zuhören kannst, schimpfst, Vorwürfe machst, verurteilst, meckerst, jammerst, dann kann das ein Signal sein, dass du emotional verstrickt bist. Du bist blockiert, fühlst dich hilflos und hast keinen Zugang zu deinen Stärken und verspürst wenig Handlungsimpulse. Sobald du reflektieren kannst, dass du bewertest, gelingt es dir leichter, dich zu fragen, was du fühlst und was du brauchst.

Einzelne Schritte für das Zurücknehmen der Projektion

  • Reflektiere die Situation
  • Identifiziere deine Gefühle, wo spürst du sie im Körper
  • Spüre deine Interpretationen, Bewertungen, Urteile auf
  • Formuliere das Gegenteil, was wünschst du dir stattdessen
  • Formuliere, was du dir wünschst, was dir wichtig und wertvoll ist

Das bedeute umgekehrt ebenso, dass du auch nicht verantwortlich bist für das, was der andere fühlt. Das ist allerdings kein Freifahrtschein in Richtung fahrlässige oder vorsätzlich verletzendes Verhalten. „Ich kann machen und sagen, was ich will, was der andere fühlt, geht mich nichts an“, auch das ist ein Trugschluss. Keine Handlung bleibt ohne Wirkung.

Jeder Mensch ist verantwortlich für sein Handeln, seine Absichten und Gefühle

Ich bin verantwortlich für meine Handlungen und Absichten. Wenn ich die Absicht habe, meine Freundin durch meine Äußerung oder mein Verhalten zu verletzten, dann liegt diese Absicht in meiner Verantwortung. Dafür, was die Freundin tatsächlich fühlt, trägt sie die Verantwortung.

Genau so funktioniert es, wenn ich die (gute) Absicht habe, meine Tochter zu beruhigen, ihr gut zurede, ihre Sorgen beschwichtige. Sie kann daraufhin sehr emotional reagieren und über meine Ermutigungen äußerst wütend werden. Ich habe es nicht in der Hand, was ich in dem anderen auslöse.

Situationen lassen sich leichter reflektieren, wenn wir uns klarmachen, wer wofür welche Verantwortung trägt.

Merke: Gefühle sind der Schlüssel zu unseren Werten und Bedürfnissen. Wenn wir die Verantwortung für unsere Gefühle wieder übernehmen, nutzen wir sie als Botschafter für unseren Wesenskern, für das, was uns wirklich wichtig ist.

Übernimm Verantwortung und mache deine Gefühle zu kraftvollen Begleitern in deinem Alltag, deinen Beziehungen und deinem Leben.
Du hast kein Bock mehr auf Anpassung, emotionale Überreaktionen, stille Erwartungen und unerfüllte Bedürfnisse? Dann komm in meinen kostenlosen 4-Wochen-Online-Kurs

Sag JA zu dir!
Mache deine Gefühle zu Botschafter für deine Bedürfnisse.