Menschen sind individuell verschieden. Wir fühlen uns wie auf einer Insel mit unserem Sein, Denken und Handeln. Akzeptanz und Empathie füreinander entsteht, wenn wir Menschen in ihrer Andersartigkeit sein lassen können, wie sie sind. Manchmal eine lebenslange Aufgabe. Für die persönliche Entwicklung ist es sehr wichtig, die eigenen Werte und Bedürfnisse zu kennen und ihre Wirksamkeit zu verstehen. In diesem Beitrag werde ich erläutern, was der Unterschied zwischen Werten und Bedürfnissen ist. Und das ist ein erster Lösungsbaustein für mehr Wertschätzung im Alltag.

Werte und Bedürfnisse unterscheiden und in ihrer Wirksamkeit verstehen

Werte und Bedürfnisse werden manchmal in der Literatur und auch in der persönlichen Kommunikation kaum oder ungenau voneinander unterschieden: Werte sind meine Interpretation von Welt aufgrund kollektiver Zuschreibungen und Bedürfnisse sind innere individuelle Motive etwas zu tun oder zu lassen.

Treue, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, Glaubwürdigkeit, Loyalität. Werte sind der individuelle Ausdruck unseres Wesens. Sie leiten uns durch das Leben und sind Basis unseres Denkens und Verhaltens. Wir beschreiben sie auch als Tugenden, soziale Kompetenzen, Ideologien, Grundüberzeugungen, Weltanschauungen. Werte sind unsere Motivation, aus der heraus wir uns verhalten, Fähigkeiten entwickeln oder Beziehungen eingehen.

Mit unseren Werten beWERTen wir Situationen. Die Vorstellung von dem, was uns wertvoll und kostbar ist, entstehen durch persönliche Eigenschaften, Verhaltensmuster, Glaubensätze und Erziehung. Werte variieren in unterschiedlichen Rollen (Familienvater, Führungskraft, Sportkollege) und in verschiedenen Kontexten und Kulturen.

All unsere Werte zusammen bilden unser Wertesystem

Unsere Werte entstehen in frühester Kindheit durch Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen. Wir lernen von unseren Vorbildern, wie wir mit Herausforderungen des Lebens umgehen können. Daraus entstehen Kernwerte, die recht stabil sind und uns meist ein Leben lang begleiten. Andere Werte wiederrum verändern sich, weil das Leben im stetigen Wandel ist. Was uns beim Berufseinstieg besonders wichtig war, ist in der Familienphase längst passé.

Wir sind zufrieden, wenn unsere Werte erfüllt sind und reagieren ärgerlich, empfindlich oder traurig, wenn Werte verletzt werden. Für unser Alltag, unsere Beziehungen ist es wichtig herauszufinden, was unsere wichtigsten Werte sind. Was ist unsere Vorstellung von Welt, was ist uns in bestimmten Situationen besonders wichtig ist? Je bewusster wir die Werte wahrnehmen, umso besser können wir unsere emotionalen Reaktionen verstehen. Wir sind besser in der Lage, klarer zu kommunizieren sicherer zu entscheiden und uns selbst Ziele zu setzen. Im Bewusstsein unserer Werte fällt es uns ebenso leichter, die Werte anderer Menschen zu verstehen und anzuerkennen.

Was ist ein Wertekonflikt und woran erkennen wir ihn?

Ein Wertekonflikt entsteht, wenn ich mit dem Verhalten oder Denken eines anderen Menschen nicht einverstanden bin, obwohl mich das nicht unmittelbar beeinträchtigt. Ein Beispiel:

Klara ist Gesundheit in ihrem Leben besonders wichtig. Sie macht viel Sport, ernährt sich ausgewogen, achtet auf ihr Gewicht und folgt gern den neuesten Trends. Sie führt mit Max eine Beziehung. Max lebt, wie es ihm gefällt. Als Freiberufler arbeitet er auch mal die Nächte durch, um Kundenaufträge schnell zu erledigen. Wenn er Hunger hat, holt er sich was vom Bäcker oder aus der Döner-Bude. Das Thema Sport ist für ihn lediglich Samstagabend in der Sportschau relevant. Für Max ist es vollkommen in Ordnung, dass Klara in ihren Alltag gesund lebt. Klara allerdings liegt ihm dauernd in den Ohren, er möge sich ebenfalls gesünder ernähren und sich mehr bewegen. Immer häufiger kommt es zum Streit und er wehrt sich: „Das ist meine Angelegenheit, kümmere dich um dein Leben und lass mich in Ruhe mit deinem Wollen.“

Genau betrachtet, wird Klara nicht in ihrer Lebensart gehindert oder in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse beeinträchtig. Dennoch möchte sie, dass Max sich ändert und Rücksicht auf ihre Werte nimmt. Langfristig werden die beiden vermutlich nur glücklich miteinander, wenn Klara lernt, Max Andersartigkeit zu akzeptieren.

Bedürfnisse sind Ausdruck unserer Lebensenergie

Bedürfnisse entstehen aus dem Gefühl heraus, dass wir etwas brauchen oder dass uns etwas im Leben fehlt, damit wir uns wohlfühlen. Sie sind Hinweise auf unsere Wünsche und unser Sehnen. Bedürfnisse dienen als Antrieb, etwas an dem aktuellen Zustand zu ändern und bringen uns ins Handeln. Sie sind Ausdruck unserer Lebensenergie. In jedem Moment unseres Lebens haben wir Bedürfnisse, die sich durch konkrete Gefühle bemerkbar machen.

Bedürfnisse unterscheiden sich auf der körperlichen, persönlichen und sozialen Ebene. Fast immer spüren wir mehrere Bedürfnisse gleichzeitig. Bewusst oder unbewusst folgen wir dabei unserer eigenen Bedürfnishierarchie. Was uns in der aktuellen Alltags- oder Lebenssituation am dringendsten erscheint, wird sich durchsetzen. Verschiedene Modelle unterscheiden Bedürfnisse beispielsweise nach Rangfolge und Wichtigkeit in Grund- und Wahlbedürfnisse oder in primäre und sekundäre Bedürfnisse.

Ein Modell, dass der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg folgt, beschreibt, dass Bedürfnisse verschiedener Menschen nie in Konflikt miteinander stehen können. Konflikte entstehen, wenn Menschen auf ihrer Position beharren. Flexibler und verbindender ist es, verschiedene Strategien zu sammeln, mit denen wir unsere Bedürfnisse erfüllen könnten und dann gemeinsam zu entscheiden, was beiden entgegen kommt.

„Alle Konflikte, Streitigkeiten, Kriege dieser Welt laufen auf der Strategieebeneab. Nachhaltig gelöst werden können sie nur auf der Bedürfnisebene“           Marshall B. Rosenberg

In Konflikten ist es wichtig wichtig, Positionen, Bedürfnisse und Strategien voneinander zu trennen. Ein Beispiel:

Jan und Marie wollen den Nachmittag miteinander verbringen. Jan möchte mit Marie die Urlaubsfotos anschauen und Marie möchte lieber eine Runde in den Park gehen. Sie streiten sich. Am Ende schaut Jan allein die Fotos an und Marie geht entnervt spazieren. Es ist hilfreich, die Bedürfnisse, die hinter den Positionen liegen, zu identifizieren. Was ist den beiden für den Nachmittag wirklich wichtig? Gemeinsam Zeit verbringen, Austausch, Entspannung – beispielsweise. Es sind die Strategien, die wir einsetzen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Jan und Marie haben vielfältige Strategien zur Verfügung, um gemeinsam Zeit zu verbringen oder sich entspannt auszutauschen. Es braucht eine gewisse Kreativität und Offenheit, um vom Entweder-Oder hin zu vielfältigen Strategien zu kommen.

Wollen wir Konflikten auf den Grund gehen, ist es wesentlich, den Bedürfnissen auf den Grund zu gehen

Die Klarheit über unsere Bedürfnisse versetzt uns in die Lage, eine ganz konkrete Bitte an den anderen zu richten. Aufkommende Gefühle und Emotionen geben uns wichtige Hinweise auf unsere Bedürfnisse. Sind sie erfüllt, fühlen wir uns froh, zufrieden, sicher, glücklich. Sind sie nicht erfüllt, sind wir ärgerlich, verwirrt, enttäuscht, traurig. Schauen wir nochmal auf Klara und Max:

Klara wird in der Nacht immer wieder wach wird, weil Max häufig laut telefoniert und der Pizzabote regelmäßig an der Tür klingelt. Statt Max Vorwürfe zu machen und ihm zu sagen, was er tun oder lassen soll, drückt sie aus, was sie braucht: „Ich brauche Schlaf in der Nacht.“ Ihr Bedürfnis verbindet sie mit einer Bitte: „Ich bitte dich, deine Telefonate auf die Zeit vor 22 Uhr zu legen und den Pizzaboten zu bitten, dich auf dem Handy anzurufen, wenn er vor der Türe steht.“ Das wäre eine Strategie von vielen. Klara könnte auch Ohrenstöpsel verwenden, abends mit Max noch gemeinsam essen oder das Telefon leiser stellen. Oder, wenn Max arbeitet, im Zimmer am anderen Ende der Wohnung schlafen. Oder, oder… Um mir also mein Bedürfnis zu befriedigen, kann ich zahlreiche Strategien wählen. Was das im Einzelnen ist, ergibt sich aus der gemeinsamen Verhandlung.

Bedürfnisse sind sehr also sehr individuell und wir haben sie nur für uns persönlich. Ein Bedürfnis formuliere ich positiv und allgemein, es ist frei von konkreten Handlungen sowie Orts- und Zeitangaben und unabhängig von dem Tun eines anderen Menschen.

Fazit

Menschen sind individuell verschieden. Jeder von uns betrachtet seine Werte und Bedürfnisse als subjektiv wahr und richtig. Akzeptanz und Empathie füreinander entsteht, wenn wir Menschen in ihrer Andersartigkeit sein lassen können, wie sie sind. Es fällt uns umso schwerer, je größer die Andersartigkeit ist. Wenn wir uns aufregen, innerlich beschweren, das Verhalten kritisch bewerten oder gar die Person verurteilen, dann sind das wertvolle Signale, die uns auf unsere Werte und Bedürfnisse hinweisen. Mit unserer Reaktion fokussieren wir dann die eigenen Maßstäbe und grenzen uns vom Anderen ab. Verstehen und Verständnis setzt dann ein, wenn wir bereit sind, uns auf das Erleben des Gegenübers einzulassen. Offen, empathisch und mit Neugierde. Manchmal eine lebenslange Aufgabe.

Foto: Pixabay von Gerd Altmann

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